Genug von Israel? Ab nach Ramallah!

Gepostet von am Jan 13, 2013

Arabische Israelis wandern ins Westjordanland ab

Original veröffentlicht auf  DerStandard.at

Immer mehr arabische Israelis siedeln nach Ramallah im Westjordanland um, auf der Suche nach Arbeit, Bildung oder einer anderen kulturellen Umgebung, die „palästinensischer“ ist. „Ich mag es einfach, dass hier nur Arabisch gesprochen wird“, sagt Majid Shahade, der an der Universität Birzeit nahe Ramallah unterrichtet. „Die Umgebung ist anders.“

Doch auch materielle Beweggründe stehen bei vielen im Vordergrund, die Israel in Richtung Ramallah verlassen. Und manche flüchten auch deshalb, weil sie sich am israelischen Arbeitsmarkt und im Bildungssystem als Araber benachteiligt und diskriminiert fühlen.

„Meine Jobsuche in Israel war ohne Erfolg. Ich habe mich für mehr als hundert Stellen beworben. In einem Vorstellungsgespräch sagte der Interviewer mit meinem Lebenslauf in der Hand: ‚Ah, du bist Araber aus Nazareth. Leider machen wir Sachen für das israelische Militär. Es tut mir leid'“, berichtet Said Nashif, der in der gemischten arabisch-jüdischen Stadt Haifa aufgewachsen ist. Nach mehr als zehn Jahren erfolgreicher Arbeit in großen Unternehmen in der IT-Branche in den USA und Jordanien wollte er damals wieder in Israel arbeiten. Doch seinen Qualifikationen entsprechende Jobs habe er nicht gefunden. „Ich würde sehr gerne in Israel arbeiten. Aber solange die rassistischen Barrieren nicht fallen, hat man nicht unbedingt das Gefühl, dass einen die Städte willkommen heißen“, sagt Nashif, der gerade seine eigene Firma in Ramallah aufbaut.

Mindestens tausend seien in den letzten Jahren so wie er in die Privatwirtschaft von Ramallah gewechselt, sagt Samar Salame vom Arbeitsministerium der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA). Daneben auch Künstler, Professoren und andere Intellektuelle, die ein arabisches Umfeld bevorzugen und Israel kulturell und politisch den Rücken kehren. Genaue Zahlen haben jedoch weder er noch die offiziellen Stellen in Israel. Das hat einen einfachen Grund: Die meisten arabischen Israelis melden ihren Wohnsitz in Ramallah nicht an, oft aus Furcht vor aufenthaltsrechtlichen Konsequenzen in Israel. „Diese Entwicklung hat mit Diskriminierung in Israel zu tun“, meint Salame. „Sie kommen lieber ins Westjordanland, wo sie im IT-Sektor arbeiten, Unternehmen aufmachen oder studieren.“

Diskriminierung als Push-Faktor?

Einer der Hauptgründe für die arabisch-israelische Auswanderung in das Westjordanland sei ein israelisches Gesetz, das es arabischen Staatsbürgern nicht erlaubt, ihre palästinensischen Ehepartner dauerhaft nach Israel zu holen, sagt Rania Laham-Grayeb, stellvertretende Leiterin der arabisch-israelischen NGO Mossawa. Viele sehen den Trend zur Emigration unter der arabischen Minderheit in Israel durchaus problematisch und nennen es „Flucht“ – auch weil damit menschliche und ökonomische Potenziale abwandern.

„Ich finde nicht, dass man das als Weglaufen sehen kann. Die Menschen versuchen, sich eine Zukunft aufzubauen. Und wenn sie dafür woandershin müssen, weil sie in Israel diskriminiert werden, was kann man da machen?“, meint Laham-Grayeb. Die israelische NGO Adalah kommt in einem Bericht zu ähnlichen Schlüssen und identifiziert mehr als 30 Gesetze in Israel, die indirekt oder direkt in eine Ungleichbehandlung der arabischen Minderheit münden.

Auch Studenten scheinen zu einem gewissen Teil von israelischen Universitäten abzuwandern; das zeigt zumindest eine jüngste Studie des israelischen Knesset Research and Information Center. Demnach sind derzeit 1.300 arabisch-israelische Studenten an Universitäten im Westjordanland registriert, 5.400 weitere im benachbarten Jordanien.

„Keine Diskriminierung“

Ilana Stein, stellvertretende Sprecherin des israelischen Außenministeriums, bestreitet den Vorwurf der Diskriminierung von Arabern am israelischen Arbeitsmarkt. Auch in Situationen wie der von Said Nashif, der als Araber nie beim israelischen Militär war und deshalb manche Hightech-Jobs, die mit dem Militär in Verbindung stehen, schlichtweg nicht bekommt. Das habe weniger mit Diskriminierung zu tun als mit realen Gründen der Qualifizierung und Auswahl, so die Sprecherin.

Das israelische Arbeitsministerium weist zudem darauf hin, dass Israels Gesetzgebung in Bezug auf Gleichberechtigung am Arbeitsmarkt „sehr fortgeschritten“ sei. Auch wurde jüngst eine Gleichbehandlungskommission im Ministerium gegründet. „Diskriminierung der arabischen Bevölkerung wird von uns als eine Hauptaufgabe gesehen, deshalb investieren wir Ressourcen, um dagegen anzukämpfen“, sagt Ina Soltanovich-David, Kommissarin für Gleichbehandlung im Arbeitsministerium.

Bei manchen sitzen die Wunden dennoch seit Jahrzehnten tief. So auch bei Mahmud Mi’ari, der 1972 als Studienabgänger der Hebräischen Universität in Jerusalem im Fach Soziologie eine Lehrstelle bekommen hätte. Doch zehn Tage vor Antritt intervenierte der israelische Geheimdienst und verhinderte seine Anstellung aus angeblichen Sicherheitsgründen, deren Ursprung er bis heute nicht kennt. Heute lehrt er an der Birzeit-Universität nahe Ramallah, wie viele andere arabische Intellektuelle mit israelischer Staatsbürgerschaft. „Hier in Ramallah verdienen wir natürlich viel weniger. Aber würde mir heute eine israelische Universität eine Stelle anbieten, ich würde Nein sagen.“ (Andreas Hackl, derStandard.at, 13.9.2012)

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