Israelische Araber bekommen Starthilfe

Gepostet von am Mrz 1, 2013

Vorurteile, Diskriminierung und Wissenslücken versperren jungen arabischen Ingenieuren den Weg in den israelischen Technologiesektor. Bewerbungstraining und Outsourcing sollen helfen.

Im Original von mir erschienen in NZZ am Sonntag, 24 Feb 2013

Als Smadar Nehab von einem früheren Vorgesetzten gebeten wurde, in Indien nach jungen Talenten für Israels boomenden Hightech-Sektor zu suchen, hatte sie plötzlich ein Aha-Erlebnis: «Ich dachte mir, warum Indien? Es gibt doch genug ungenützte Talente hier. Sie sind in Galiläa.» In der Region im Norden Israels leben sehr viele Palästinenser mit israelischer Staatsbürgerschaft. Für sie bleibt der Weg in die Zentren der lukrativen Hightech-Industrie meist verschlossen, obwohl sie nur eine Autostunde davon entfernt leben. Dem wollte Smadar Nehab, selber Jüdin, etwas entgegensetzen. Sie hat vor sechs Jahren die Organisation Tsofen (Code) gegründet. «Unsere Vision ist es, Tausende Araber in den Technologiesektor zu integrieren», sagt die 61-jährige Startup-Pionierin.

In Nazareth im Norden Israels arbeiten viele Araber im Hightech-Bereich.

Ein neuer Technologie-Park in der Stadt Nazareth und viele Trainingskurse von Tsofen haben die Zahl der arabischen Software-Entwickler in den letzten sechs Jahren von einigen Dutzend auf heute 700 steigen lassen, doch das steht immer noch einer gewaltigen Mehrheit von 85 000 jüdischen Entwicklern gegenüber. Dabei sind 20 Prozent der israelischen Bevölkerung Palästinenser. Während beinahe alle jüdischen Absolventen technischer Studienrichtungen eine Stelle im Sektor finden, schafft es nur jeder sechste arabische Ingenieur in die HightechKonzerne. «Die Diskriminierung folgt keiner Logik», sagt Nehab. Durch die geringe Präsenz bestimmter Bevölkerungsgruppen im Arbeitsmarkt, wie arabischer Frauen und ultraorthodoxer Juden, lässt sich die Wirtschaft nach Schätzungen jährlich rund 30 Milliarden US-Dollar entgehen.

«Wir wollen euch das Werkzeug geben, um es zu schaffen», sagt TsofenMitgründer Sami Saadi vor 20 arabischen Israeli, die zur Informationsveranstaltung in das Trainingszentrum in Nazareth gekommen sind. Frauen sind in der Mehrheit, wie auch sonst in Israels Hightech-Sektor. «Wir wollen hier Erfahrungen sammeln, die wir sonst nirgends bekommen», sagt die 19-jährige Roxan Barakat aus Haifa. Sie und zwei Kollegen haben den BachelorAbschluss in Informatik schon in der Schulzeit gemacht, dank einem Förderprogramm. Dennoch glauben sie, dass die Türen ohne Hilfe auch für sie verschlossen bleiben werden. «Für Araber sind die Chancen einfach schlechter», sagt Aziz Kaddan. «Warum sonst wird keine Hightech-Firma von einem Araber geführt?»

Laut Tsofen stehen arabische im Gegensatz zu jüdischen Technologie-Absolventen meist ohne Netzwerk da und kennen die speziellen Anforderungen bei Bewerbungsgesprächen nicht. Die Organisation will jungen Talenten deshalb vor allem eines vermitteln: Bewerbungsroutine. Nur lassen sich viele schon vorher durch das «jüdische» Image des Sektors und die vielen Hindernisse entmutigen – etwa, dass fast alle Tech-Parks ausserhalb arabischer Bevölkerungszentren liegen.

Der 33-jährige Farid Abu Salih war vor vier Jahren einer der ersten Absolventen des Trainings von Tsofen. Erst hatte er beim israelischen SoftwareRiesen Checkpoint eine Stelle gefunden, wechselte dann aber zu einer Firma in Nordisrael, die Grosskonzerne wie Texas Instruments zum Outsourcing von Programmiertätigkeiten nutzen. Als der Konzern das Projekt plötzlich von dort abzog, musste auch Abu Salih das Feld räumen. Jetzt ist er auf Arbeitssuche, und auch wieder bei der Informationsveranstaltung von Tsofen.

«Ich habe meinen Lebenslauf überallhin geschickt, aber trotz meiner Erfahrung nichts gefunden. Als israelischer Palästinenser ist es schwierig», sagt Abu Salih. Er ist sich sicher: Bei gleicher Qualifikation bevorzugten Arbeitgeber in Israel Juden gegenüber Arabern. Tatsächlich gaben 25 Prozent der in einer jüngsten Studie befragten israelischen Arbeitgeber an, auf keinen Fall Araber beschäftigen zu wollen. Die logische Kehrseite: 30 Prozent der befragten Araber meinten in einer Studie des Jahres 2011, bei der Arbeitssuche diskriminiert zu werden.

Wohl um allen die Integration ein Stück weit zu erleichtern, setzen Tsofen und israelische Investoren mit dem Hightech-Park in Nazareth auf Outsourcing nach Galiläa, anstatt Araber in bestehende jüdische Zentren zu integrieren. Grosse Konzerne geben ihre Programmieraufträge also an Unternehmen in Nazareth, womit israelische Palästinenser in ihrem gewohnten Umfeld leben und arbeiten können. «So wird arabisches Hightech von der Umwelt besser akzeptiert», sagt Nehab. «Araber an jüdische Firmen zu vermitteln, ist letztlich kaum möglich.»

 

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