Die Umarmung von Jerusalem

Gepostet von am Apr 5, 2013

Israelis, Palästinenser und Ausländer fanden sich beim „Jerusalem-Hug“ zu einem unüblichen Friedensprozess zusammen

Am Sonntag haben sich Israelis, Palästinenser und Ausländer beim Jerusalem Hug Festival zu einem unüblichen Friedensprozess zusammengefunden. Bei Picknick, Musik und Meditation wollte man einmal „einfach nur Liebe verbreiten“, sagt Eliyahu, einer der Veranstalter.

(Im Original vom 6.7.2011, Andreas Hackl, DerStandard.at)

Ein handbemaltes Schild mit der bunten Aufschrift „Jerusalem Hug“ weist den Weg hinunter zur Wiese, wo an diesem frühen Nachmittag gerade die ersten Wassermelonenstücke ausgeteilt werden. Es ist eine bunte Menge, die sich hier in der Nähe der Altstadt versammelt hat: religiöse und nicht-religiöse Juden, palästinensische Christen aus Bethlehem, ein Transvestit im Leopardenkleid und Aktivisten aus den USA und Europa. Einer der aus dem Ausland zugereisten ist Rob Schrama, der vor vier Jahren gemeinsam mit anderen den ersten Jerusalem Hug organisiert hat. Mit seinem Blond-Schwarz gefärbten Haar, das kerzengerade nach oben steht, ist er wie fast alle hier eine unübliche Erscheinung im sonst eher konservativen Jerusalem.

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Der „Hug“ soll bei den Teilnehmern Gefühle freilassen, die tiefer liegen als der oberflächliche Alltag des „Friedensprozesses“. Es gehe um eine positive Erfahrung der Einheit und des Zusammenseins, erklärt Rob. Das sei auch als Gegensatz zu vielen anderen Demonstrationen gedacht, die immer nur gegen etwas sind. „Israelis und Palästinenser lieben beide den Frieden. Und sie lieben Jerusalem, haben also viel gemeinsam.“ Um die 60 Palästinenser aus dem Westjordanland habe er eingeladen, wobei sie für fast alle von den israelischen Behörden eine Einreiseerlaubnis nach bekommen haben.

Einer der Palästinenser hier ist Daniel, der eine christliche Schule in Bethlehem leitet. Er trägt ein gestreiftes Polo-Shirt und Jeans. Eine Schlichtheit, die hier durchaus auffällt. Das Festival ist für ihn etwas sehr ungewöhnliches. „So etwas könnte man im Westjordanland nicht durchziehen“, meint er. Doch er findet im „Hug“ auch seine christlichen Werte wieder. „Wie der Papst bei seinem letzten Besuch im Heiligen Land gesagt hat, brauchen wir Brücken anstatt Mauern“, sagt er während im Hintergrund ein Klangschalen-Konzert angestimmt wird. Dazu mischt sich meditatives Brummen und Gesang. Rund um die Musiker, die auf einer großen Decke am Boden sitzen, versammeln sich dutzende Leute. Manche sitzen ruhig mit geschlossenen Augen da, andere Tanzen und bewegen ihre Hände in einer Kreisbewegung über ihrem Kopf. Es ist eine friedliche und sehr angenehme Ruhe.

Aber langsam kommt wieder Bewegung in die Runde. „Kommt, nehmt euch an den Händen und formt einen Kreis“, werden alle aufgefordert. Inaan, eine junge Palästinenserin mit Kopftuch und langem schwarzen Mantel, ist sich nicht so ganz sicher, ob sie diesen Schritt mitgehen will. Es ist ihr offensichtlich unangenehm. Doch eine ältere Frau kann sie überreden. Der „Hug“ wird dir gut tun, sagt sie. Nach einigen Minuten ist er Kreis geschlossen und um die hundert Männer und Frauen halten sich an den Händen. In der Mitte des Kreises steckt eine kleine weiße Kugel, die aussieht wie in Golfball. Wohl eine Art Energiezentrum. „Sind alle bereit für die Umarmung Jerusalems?“, ruft Eliyahu ins Mikrofon. „Wir sind hier um allen zu zeigen, dass wir eine Familie sind!“

Der Kreis löst sich langsam auf und die „Hugger“ gehen in einer langen Schlange hinauf zu den Stadtmauern. Am Haupteingang zum südwestlichen Teil der Altstadt, dem Jaffa-Tor, drängt sich die Menge zusammen. Einige klettern auf eine erhöhte Einbuchtung in der Mauer und tanzen zur schnellen Trommelmusik. Die Umarmung Jerusalems ist fast vollbracht, zumindest für dieses Jahr. Rob und seine Kollegen haben bald größeres vor. Nächstes Jahr wird eine Laserpyramide über Jerusalem projiziert, ein „Dach über der Stadt und ihren Menschen“, erklärt Rob.

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