Am Abgrund der ägyptischen Revolution – Gaza

Gepostet von am Jul 15, 2013

Grenzübergang zum Gazastreifen abgeriegelt, Tausende stecken fest.

Vor dem Sturz des ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi durch die Armee letzte Woche forderten Millionen Menschen in den Straßen Kairos ihre Revolution zurück. Ägypten schien sich damit die Symbolstellung für politischen Wandel im Nahen Osten zurückzuerkämpfen. Für die 1,7 Millionen Palästinenser im Gazastreifen bedeutet dieser Wandel bislang aber nur eines: Stillstand.

Die Menschen in dem humanitären Krisengebiet hatten viel Hoffnung in die ägyptischen Muslimbrüder und Präsident Mursi gesteckt. Vor allem die in Gaza regierende Hamas, ein Zweig der Muslimbruderschaft, sah im Aufstieg verwandter Islamisten ein Omen für eine bessere Zukunft. Dabei suchte die Hamas vor allem die Öffnung der Grenze zu Ägypten für den freien Personen und Handelsverkehr und mehr diplomatischen Rückhalt, nachdem sie dem Iran und Syrien den Rücken zukehrte. Doch die Machtübernahme des ägyptischen Militärs und der Sturz Mursis verdunkeln den Horizont für die Hamas und ihre Anhänger. Und es nimmt der ausgezehrten Zivilbevölkerung des Gazastreifens die letzte Hoffnung auf Besserung.
„Was in Ägypten passiert, hat uns 100 Prozent getroffen“, sagt ein Palästinenser aus dem Gazastreifen, der anonym bleiben möchte. Von seiner Studienstadt in England wollte er letzte Woche zum Ramadan-Fest nach Hause reisen. Trotz Durchreisevisum für Ägypten wurde er am Sonntag von den ägyptischen Grenzbehörden vom Flughafen Kairo zurück nach England geschickt, denn Ägypten riegelte Freitag letzter Woche den Grenzübergang Rafah ab – für Palästinenser im Gazastreifen das einzige Tor zur Außenwelt. Am Flughafen wurde er dann zwei Tage in einem Raum angehalten. Seinen Rückflug musste er selbst zahlen. „Zum Glück konnte ich mir Geld von einem Palästinenser dort leihen“, sagt er übers Telefon. „Keine Ahnung, wie es weiter geht. Ich warte vorerst ab.“

Die Bevölkerung Gazas lebt auf einem Landstrich zwischen Ägypten, dem Mittelmeer und Israel, der kleiner ist als das Wiener Stadtgebiet. Seit der Machtübernahme der islamistischen Hamas vor sechs Jahren hält auch Israel die Grenzen bis auf wenige Ausnahmen für den gesamten Personenverkehr abgeriegelt.

Gekappte Nabelschnur 

Gestrandete Reisende wie der junge Palästinenser sind die privilegierten Opfer einer wiederkehrenden Mobilitätskrise, die derzeit besonders wegen des Ramadan-Festes stärker spürbar ist. Laut UNO stecken wegen der mehrtägigen Schließung des Grenzübergangs Rafah rund 3000 Heimreisende auf der ägyptischen Seite fest. Weitere 15.000 würden im Gazastreifen darauf warten, ausreisen zu dürfen. Darunter auch Studenten und Patienten mit Operationsterminen in ägyptischen Krankenhäusern. Das UN-Büro für humanitäre Angelegenheiten kritisiert zeigt sich „besorgt“. Geöffnet wird derzeit nur sporadisch. Das alte ägyptische Regime unter Hosni Mubarak hatte gemeinsam mit Israel die Grenz- und Handelsblockade des Gazastreifens fest im Griff. Über die Jahre bildete sich aus Not ein Handelssystem über Untergrundtunnel. Der Tunnelhandel wurde zur Lunge, durch die der Gazastreifen trotz Blockade und militärischen Angriffen Israels weiter atmen konnte. Nach Mubaraks Sturz erlebte der „Schmuggel“ von Baumaterialien, Treibstoff, Kraftwagen und vielen anderen Gütern erst einen Boom. Gaza verzeichnete Wachstum. Doch in Ägypten regte sich Widerstand: Der Handel stärkte bewaffnete Beduinenstämme in Südägypten und ließ große Mengen an subventioniertem Treibstoff von Ägypten nach Gaza abfließen. Nach Angriffen militanter Gruppierungen auf ägyptische Soldaten im Grenzgebiet gab man schnell Milizen aus Gaza die Schuld. Zuerst sperrte man die Tunnel durch Sand und Lkw ab oder flutete sie mit Wasser. Seit einigen Wochen werden sie systematisch zerstört. Allein letzte Woche hat Ägypten rund 25 der Tunnel geschlossen. Die Einfuhr von Gütern, Treibstoff und Medikamenten nach Gaza bricht deshalb immer mehr ein.

Gaza hängt an der Nabelschnur Ägyptens. Wer die These vom Arabischen Frühling vertritt, muss zugleich anerkennen, dass der Gazastreifen wiederholt in den Abgrund dieser Umwälzungen verdammt wird. „Viele Palästinenser waren froh, als die Muslimbrüder die Wahlen gewonnen haben“, sagt Mohammed, ein 27-jähriger Palästinenser, der in Dubai feststeckt, wo er auf die Heimreise wartet. „Und was haben wir heute? Nichts.“

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