Frieden von Gestern?

Gepostet von am Jul 17, 2013

Israel und Palästina zwischen alten und neuen Generationen

Palästinensische Jungpolitikerin: „Wir haben keine Idole mehr“

 

Außerhalb des Armeedienstes sehe kaum ein Israeli heutzutage, wie das Leben der Palästinenser unter Besatzung aussieht, sagt die israelische Aktivistin Yael Patir in Jerusalem vor einem ungewohnt jungen Publikum im prunkvollen Notre Dame Hotel. „Unsere Eltern haben in Kriegen gekämpft. Aber als ich beim Militär war, bekamen wir schreckliche Befehle. Wir hatten nur mit palästinensischen Zivilisten zu tun“, meint Patir, Israel-Direktorin von J-Street, einer US-amerikanischen jüdischen Lobbyorganisation. „Diese Realität macht uns korrupt, lässt uns junge Israelis von der Realität weglaufen.“

Patir diskutierte gemeinsam mit einer palästinensischen Jungpolitikerin und dem Ehrengast Saeb Erekat, der palästinensische Chefunterhändler in Friedensverhandlungen, zum Anlass der Veröffentlichung eines neuen Diskussionsbandes über die „Junge Generation“ von Palästinensern und Israelis. Die Begriffe Demokratie, Facebook, Hoffnung und Wandel zieren prominent das Cover. Doch in Wahrheit wächst die Jugend auf beiden Seiten des Konflikts immer weiter voneinander weg, und ist dabei oft auch von der eigenen Politik und Gesellschaft befremdet.

Geteilte Visionen

Das war nicht immer so, meint Patir. Als sie 15 Jahre alt war, ging sie mit einer israelischen Flagge in Tel Aviv auf die Straße, um den damaligen Ministerpräsidenten Yitzhak Rabin in seinen Bemühungen in den Osloer Abkommen mit den Palästinensern zu unterstützen. Doch am selben Tag, am 4. November 1995, wurde Rabin von einem jüdischen Nationalisten erschossen. Rabins Tod markiert für sie auch heute noch das Ende einer Ära. „Danach, 20 Jahre fehlgeschlagene Verhandlungsversuche“, sagt Patir. „Und heute sind sich viele in meiner Generation unsicher, ob sie den Preis für Frieden überhaupt zahlen wollen. Sie fürchten den Frieden soagr.“

Die letzten 20 Jahre hätten außerdem eine völlig segregierte Realität zwischen jungen Israelis und Palästinensern geschaffen. Das nicht zuletzt durch Mauern, Siedlungen und die militärische Besatzung. „Die Zweistaatenlösung sieht so jedenfalls nicht aus. Was wir sehen ist Separation, und das tötet die Vorstellungskraft von Frieden.“

Zumindest US-Außenminister John Kerry scheint die Hoffnung auf eine Zweistaatenlösung nicht aufzugeben. Er soll laut israelischen Medienberichten Palästinenserpräsident Mahmud Abbas überzeugt haben, seine Vorbedingungen für Friedensverhandlungen mit Israel aufzuweichen. Das israelische Fernsehen sprach Montag sogar von einer neuen Bereitschaft der Palästinenser mit Israel direkt zu verhandeln. „Niemand würde mehr von Kerrys Erfolg profitieren als wir Palästinenser“, sagt Saeb Erekat. „Und niemand würde mehr durch sein Versagen verlieren.“ Vor dem Eintreten in Verhandlungen verlange er jedoch einen konkreten Plan, einen Vorschlag des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu, dessen Aufrichtigkeit in Sachen Verhandlungen er anzweifelt. So habe Netanyahu diese Woche eine Schule von Siedlern auf illegal besetztem Palästinensergebiet besucht. „Der will eine Zweistaatenlösung? Vielmehr zeigt es, dass wir für Israel unsichtbar geworden sind“, klagt Erekat.

Die nächsten zwei Monate würden darüber entscheiden, ob ein Friedensprozess noch aufgewärmt werden kann. Die Zeit renne auch den Eliten in der Autonomiebehörde in Ramallah davon, die nach den in den Oslo-Abkommen in den 90er Jahren geschaffen wurde, und aufgrund von Budgetproblemen und Kritik aus den eigenen Reihen auf wackeligen Beinen stehen. „Diese Behörde hatte eine Funktion, und zwar Palästinenser aus der Besatzung in die Freiheit zu führen. Jetzt kann sie keine Löhne mehr zahlen und hat keine Autorität. Sie wird nicht mehr lange überleben können.”

Appell der Jugend

Es wirkt ein wenig wie ein verzweifelter Appell, dass sich in dem Diskussionsband zur jungen Generation acht Jugendliche mit Briefen an US-Präsident Obama wenden. „Als Jugendliche in Palästina haben wir viele Fähigkeiten und Talente, aber wir können uns kein Gehör verschaffen, weil wir unter Besatzung leben“, schreibt etwa der 15-jährige Hamza Odeh aus der Stadt Nablus im Westjordanland. Wie die meisten Palästinenser in seinem Alter hat er sein Leben lang nichts anderes als schwer bewaffnete Soldaten und die einengende Sperrmauer von der anderen Seite erlebt.

Die Eliten der palästinensischen Politik, wie Saeb Erekat, sind für viele Jugendliche Sinnbild einer Generation von Gestern. So auch für Riman Barakat, eine palästinensische Akademikerin und Aktivistin. Zynisch kommentierte sie Erekats Rede: dass Palästinenser dieser Tage weltweit zum Sieg des jungen Mohamed Asaf aus Gaza beim arabischen Idol-Wettbewerb durch Jubeln zur Einheit finden, sei allem voran „ein Symptom für einen Mangel in unserer Nation. Wir haben keine politischen Idole mehr.“ Auch keinen Unabhängigkeitstag, keine ordentliche Fußball-Liga, und keine Erfolge über die man sich kollektiv freuen könnte. Stattdessen: die Realität israelischer Besatzung und Grabenkämpfe der eigenen politischen Eliten. „Da bleibt die Hoffnung auf einen Staat, doch die hätte schon vorgestern erfüllt werden sollen.“

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