Wahrer Ort der Heiligkeit

Gepostet von am Jul 9, 2013

Körper verhüllt? Licht an? Darf man darüber reden?

Ein israelischer Sexberater hilft orthodoxen Juden beim Balanceakt zwischen Religion und Lust.

Von Andreas Hackl, Original für NZZ am Sonntag, 7. Juli 2013

«Wer streng religiös ist, muss deshalb nicht weniger sexuell sein», sagt der israelische Sex-Therapeut David Ribner und lehnt sich in den ledernen Drehstuhl in seiner Privatklinik in Jerusalem. Er ist Gründer des einzigen Studienprogramms für Sex-Therapie in Israel und betreut streng religiöse Ehepaare, die ihn zum Thema Sex um professionellen Rat bitten. Für viele fromme Juden ist das Gold wert. Denn Information über sexuelle Praxis ist in ihrer Welt kaum zu finden. Isoliert in eigenen Vierteln, haben ultraorthodoxe Juden in Israel nur bedingt Kontakt mit der übrigen Gesellschaft. Sie besuchen separate Schulen, in denen Sexualunterricht tabu ist, und leben einen Alltag, der von der Hingabe an die Regeln des jüdischen Rechts bestimmt wird: kein Autofahren am Sabbat, keine freizügige Kleidung und kein direkter Kontakt zum anderen Geschlecht. Zumindest nicht, solange man unverheiratet ist. Junge Verlobte können oft nur heimlich mit älteren Geschwistern über Sex reden, und vor der Hochzeit ist selbst das verboten. Was bleibt, sind Gespräche mit
sogenannten Guides, die Paare auf die Hochzeitsnacht vorbereiten sollen.

«Für viele ist es das erste Gespräch über Sex», sagt David Ribner. «Die jungen Frauen und Männer leben ständig unter Spannung zwischen der Einhaltung religiöser Regeln und der Welt der Sexualität.» Als Antwort darauf hat Ribner mit seiner Kollegin Jennie
Rosenfeld den ersten Sex-Guide für streng religiöse Juden verfasst. «The Newlywed’s Guide to Physical Intimacy» ist das «Bravo»-Heft der Ultraorthodoxen. Es enthält Beschreibungen vom Vorspiel, vom Küssen, vom weiblichen Orgasmus. Die Autoren antworten mit Ratschlägen auf Probleme und Gerüchte. «Wir sind nun länger als einen Monat verlobt. Dürfen wir schon über Sex sprechen?», fragt jemand im Buch. Die Antwort: Um dem jüdischen Recht zu entsprechen, solle man Gespräche über Sex vor der Hochzeit vermeiden. Ist man verheiratet: kein Problem. Durch den offenen Umgang mit dem Thema wollen die Autoren auch Vorurteile abbauen. Dass Ultraorthodoxe aus Angst vor Körperkontakt nur durch ein Loch im Leintuch Sex haben, ist laut dem Guide demnach nur ein Gerücht.
Im Buch ist zu finden, was auch in jedem anderen Aufklärungsbuch steht, nur dass sich Aufklärung hier mit orthodoxer jüdischer Rechtsauslegung von konservativen Rabbinern vertragenmuss. Diese setzten, so Ribner, ihre Leute unter Druck, ständig Sitte und
Anstand zu bewahren. Das Problem liege also nicht bei der Einstellung zur Sexualität an sich, sondern in den konservativen Kräften, die eine Öffnung verhinderten.
Diese Kräfte beschränken zum Teil sogar seine Therapiemethoden. Hätten zum Beispiel Ehepaare Angst vor physischem Kontakt, so rate er ihnen, beim Sex das Licht anzumachen. Doch das sei für die meisten Rabbiner, die er in Fragen der Angemessenheit konsultiere,
nicht in Ordnung. Blättert man im Buch bis zur letzten Seite, entdeckt man ein versiegeltes Kuvert mit der Aufschrift: Dieser Umschlag enthält Illustrationen zur sexuellen Anatomie von Männern und Frauen und Zeichnungen sexueller Stellungen. Man solle sich das Öffnen also gut überlegen. Auch anderswo im Buch wird klar, dass es sich an eine spezielle Zielgruppe richtet, so im Kapitel über «emotionalen Frust» während der Niddah, der Menstruationszeit, zu der im orthodoxen Judentum kein Körperkontakt zwischen
Partnern erlaubt ist und Frauen Reinheitsgebote befolgen müssen. Ihm sei wichtig, dass die Bedürfnisse bewahrt, aber auch die religiösen Regeln befolgt würden, sagt Ribner, der selbst jüdisch-orthodox aufgewachsen ist. Laut dem Therapeuten ist sexuelle
Zufriedenheit in den Lehren des Judentums positiver besetzt, als es auf den ersten Blick scheint. Dass es beim Sex auch um Lust und nicht nur um Fortpflanzung gehe, sei von jüdischen Gelehrten wiederholt anerkannt worden. So habe der bedeutende jüdische
Gelehrte Moses Maimonides schon im Mittelalter Ehepaaren freigestellt, «im Bett zu tun, was immer sie wollen», sagt Ribner. In einem ultraorthodoxen Alltag voller Barrieren wird das Schlafzimmer nach der Hochzeit somit zu einem der wenigen Lebensbereiche, in
denen es privaten Spielraum ausserhalb der Glaubensregeln gibt. Glaubt man Ribners Buch, gehören Sex und Judentum im Grunde eng zusammen. Es gebe keine Aktivität, die zu weltlich sei, um darin Göttliches zu entdecken, sagt er; das betreffe besonders die sexuelle Beziehung, die das Potenzial habe, ein wahrer Ort der Heiligkeit zu sein.

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