Das ewige Pulverfass – Religion und Politik im Herzen des Konflikts

Gepostet von am Jan 1, 2014

Dieser Beitrag wurde im original in der NZZ am Sonntag, am 22.12.2013, veröffentlicht.

Es ist ein kalter Dezembermorgen in der Altstadt Jerusalems. Der Platz vor der Klagemauer wirkt ungewohnt leer. An einem kleinen Verkaufsstand wärmen sich einige ultraorthodoxe jüdische Männer an einem Becher heissen Kaffee auf, bevor sie zum täglichen Gebet an die «Kotel» gehen, wie die Klagemauer auf Hebräisch heisst. Als Überbleibsel jenes Plateaus, auf dem vor mehr als zweitausend Jahren der jüdische Tempel stand, ist die Mauer geblieben und zum zentralen Gebetsort des Judentums geworden. Nur ein Ort ist heiliger: der Tempelberg selber. «Zu heilig» sogar, sagt der Rabbiner Shmuel Rabinowitz in seinem Büro an der Klagemauer. Das jüdische Recht verbiete es Gläubigen, dieses Heiligtum zu betreten.

Diese Meinung war jahrzehntelang beinahe unangefochten. Doch eine wachsende Bewegung nationalreligiöser Israeli sieht die Dinge anders. Sie drängen trotz Verbot zum Beten auf den Tempelberg und verfolgen dabei ein gefährliches Ziel: den jüdischen Tempel an seinem ursprünglichen Ort wiederaufzubauen. Doch derselbe Ort ist für Muslime der «Haram ash-Sharif», das Edle Heiligtum, die dritt-heiligste Stätte des Islams und die zentrale Gebetsstätte muslimischer Palästinenser.

The Noble Sanctuary/Temple Mount in Jerusalem

Ein provokativer Spaziergang

Mit dem wachsenden Tempelberg-Aktivismus jüdischer Gruppierungen droht das fragile Gleichgewicht im Herzen des israelisch-palästinensischen Konflikts zu brechen. Wie explosiv die Konsequenzen sein könnten, zeigt die Geschichte. Als der damalige israelische Oppositionsführer Ariel Sharon im Jahr 2000 den Tempelberg besuchte, um damit ein politisches Statement zu setzen, entflammte die zweite palästinensische Intifada.

Rabbi Rabinowitz agiert im Auftrag der israelischen Regierung. Diese verfolgt seit der israelischen Eroberung Ost-Jerusalems im Jahr 1967 eine «Status-quo-Politik» am Tempelberg. Die erlaubte Zahl jüdischer Besucher wird streng limitiert. Der Zutritt ist nur zu bestimmten Zeiten für kleine Gruppen möglich. Was aus Sicht der Regierung eine Frage der Sicherheit ist, erklärt Rabinowitz mithilfe religiöser Argumente. Weil der genaue Standort des ursprünglichen Tempels nicht bekannt ist, könnten Besucher unabsichtlich auf das «Allerheiligste» treten: den inneren Kern des Tempels, in dem nach jüdischem Glauben die Bundeslade mit Gottes Geboten lag. Ausserdem sei nach jüdischem Recht eine rituelle Reinigung durch das Opfern eines roten Kalbs notwendig. Zuvor müsse erst Gott selbst den Tempel wiederaufbauen. Er werde «mit Feuer vom Himmel fahren», versichert Rabinowitz. Dann werde auch das rote Kalb erscheinen. «Gott braucht unsere Hilfe dabei nicht.» Eine zunehmend einflussreiche Bewegung nationalreligiöser Aktivisten und Politiker sieht die Dinge anders. Rund zehn Prozent aller israelischen Parlamentarier setzen sich für das volle jüdische Gebetsrecht auf dem Tempelberg ein. Und immer mehr Rabbiner befürworten es, nicht zuletzt jene aus israelischen Siedlungen. Auch die Besucherzahl jüdischer Gläubiger ist über die letzten Jahre rasant gestiegen: von praktisch null in den 1980er Jahren auf rund 1000 monatlich im letzten Jahr.

Das erklärte Ziel extremistischer Gruppierungen, den Tempel wieder aufzubauen, suggeriert indirekt die Zerstörung des muslimischen Heiligtums. Für Palästinenser gehen die Aktivisten damit mehr als nur einen Schritt zu weit. Immerhin vereint das Edle Heiligtum mit dem Felsendom und der Al-Aksa-Moschee für viele Palästinenser Stolz, Geschichte und Identität. Und das in einer Zeit unter israelischer Besetzung, in der es vielen an Ankerpunkten fehlt. Damit wird das heilige Plateau zu einem der letzten Orte, an denen so etwas wie palästinensische Souveränität spürbar ist, so fragil diese auch sein mag.

Eine der führenden Stimmen der Tempel-Bewegung ist Yehuda Glick. «Der Tempelberg ist der wichtigste Ort der Welt», sagt er am Eingang zur rustikalen Holzbrücke, die an der Klagemauer vorbei auf das Plateau führt. «Mir geht es um die jüdische Freiheit auf dem Tempelberg. Um ein Menschenrecht», meint Glick. Er trägt eine blaue Daunenjacke und einen roten Bart. Auf dem Kopf trägt er eine Kippa. An der schwarzen Leinenhose baumeln die traditionellen weissen Gebetsschnüre. Wie ein Manager auf dem Weg zu einem wichtigen Treffen huscht er an der Schlange wartender Touristen vorbei. Von den israelischen Sicherheitsbeamten wird er beim Namen genannt. Yehuda schüttelt die Hand eines bekannten Rabbiners und begrüsst dessen Begleiter. Glick wirkt freundlich, aber angespannt. Beides ist verständlich: in einer halben Minute wird er «am wichtigsten Ort der Welt» sein. Doch dort ist er nicht willkommen.

«Gott ist gross! Gott ist gross!», rufen Dutzende palästinensische Frauen, als Glick an ihnen vorbeispaziert. Der jüdische Aktivist bleibt ruhig. Zu seiner Sicherheit begleiten ihn zwei Polizisten. Mit dabei ist auch ein Beamter des Waqf, der islamischen Stiftung, die das Edle Heiligtum verwaltet.

«Gott ist gross? Dem kann ich nur zustimmen», sagt Glick und lacht. Dann bleibt er kurz stehen und öffnet ein Buch, das er die ganze Zeit über unter den Arm geklemmt hatte. Gerade, als er mit dem Finger auf eine Abbildung des jüdischen Tempels zeigen will, fordert ihn ein Polizist auf, sofort weiterzugehen.

Gefährliche Zukunftspolitik

«Sehen Sie, wir Juden werden hier behandelt, als wären wir Gäste», beklagt sich Glick. Vor 40 Jahren ist er mit seiner Familie aus den USA nach Israel eingewandert. Jetzt ist der Tempelberg so etwas wie sein Zuhause. Gast will er hier deshalb keiner sein. Schon gar kein unwillkommener. Als ihm vor kurzem der Zutritt verboten wurde, trat er zwölf Tage lang in den Hungerstreik.

Glicks Leidensfähigkeit ist gross, denn er plant Grosses. Bald werde hier der prachtvolle jüdische Tempel wieder errichtet werden, sagt er und blickt auf den muslimischen Felsendom. Er kündigt ein «Gebetshaus für alle Nationen» an. Kurz darauf sagt Glick: «Araber im Nahen Osten verstehen demokratische Werte nicht. Sie respektieren die Menschenrechte nicht.»

Für den Beamten des muslimischen Waqf haben die Besuche von Glick nichts mit Religion zu tun. Der junge Palästinenser sagt: «Sie haben hier nicht einmal eine Gebetsstätte. Diese Leute machen mich zornig. Sie respektieren uns Muslime nicht.» Er schätzt Glick als «gewalttätig und gefährlich» ein. Besonders ärgert ihn, dass Glick Unterstützung von israelischen Politikern erhalte. «Sie bringen immer mehr Leute hierher», klagt der Palästinenser.

Dass immer mehr Juden in das Heiligtum drängen, liegt auch an Organisationen wie dem «Tempel-Institut». Es organisiert Führungen und bereitet mit voller Kraft den Wiederaufbau des Tempels vor. Glick war fünf Jahre lang Leiter dieser Organisation.

In einer Gasse des jüdischen Altstadtviertels lockt das Institut mit einem prächtigen Museum. Abigail, eine junge Frau mit amerikanischem Akzent, führt durch die Ausstellungsräume. Vor einem Modell des jüdischen Tempels betont Abigail, dass hier nicht nur die Vergangenheit gezeigt werde, sondern vor allem die Zukunft. Im Klartext: Alle Objekte im Museum wurden für den zukünftigen Dritten Tempel angefertigt. Darunter finden sich Harfen, Priestergewänder mit je 72 Glocken aus Gold und Edelsteinen, ein Opferaltar sowie riesige Kerzenständer aus Gold.

Wann genau wird der Tempel nun aufgebaut? «Das kann ich nicht sagen», räumt Abigail ein. «Der Tempelberg ist besetzt», klagt die Museumsführerin. Einige der Besucher nicken verständnisvoll. Andere schweigen.

Der Besuch des Instituts macht klar, dass der Wille dieser Bewegung stark und fanatisch ist. In einem propagandistischen Film wird der Museumsbesucher zum Schluss mit den Worten des Rabbiners des Tempel-Instituts, Chaim Richman, verabschiedet. Dieser mahnt: Jede Generation, die den vor 2000 Jahren zerstörten Tempel nicht wieder aufbaue, trage Mitschuld an dessen ursprünglicher Zerstörung.

 

Info

Der Tempelberg liegt im Südosten der Jerusalemer Altstadt. Auf dem Plateau befand sich laut jüdischer Tradition der Salomonische Tempel und später der Herodische Tempel. Die westliche Begrenzung stellt heute die Klagemauer dar. Unter Muslimen heisst der Ort «Edles Heiligtum» . Seit dem 7. Jahrhundert steht hier der Felsendom. Er besticht durch seine goldene Kuppel. Nach muslimischer Tradition hat der Prophet Mohammed von hier aus seine Reise in den Himmel angetreten. Am Südende des Plateaus befindet sich die Aksa-Moschee, zentrale Gebetsstätte muslimischer Palästinenser. Als die Kreuzfahrer Jerusalem einnahmen, machten sie den Felsendom zu einer Kapelle. Ende des 12. Jahrhunderts wurde Jerusalem durch Sultan Saladin zurückerobert. Der Ort spielt auch in der Bibel eine Rolle. Demnach soll Jesus die Zerstörung des Tempels vorausgesagt haben.

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